In der Specialty-Szene – also in Cafés, die sich auf Single-Origin-Röstungen fokussieren – ist Etching kaum verbreitet. Dort gilt als eigentliche Handwerksdisziplin das Free Pour (freies Gießen).

Etching und seine Nachteile

Beim Etching wird zunächst Milch als dichter Kern in die Tasse gegossen. Anschließend arbeitet der Barista mit Nadel, Zahnstocher („Coffee Art Pen") und farbigem Sirup Details in die Oberfläche ein.

Aus Sicht der Specialty-Qualität hat das zwei Nachteile:

  1. Temperaturverlust: Das Ritzen dauert oft 30–45 Sekunden. Ein frisch gebrühter Cappuccino oder Flat White sollte jedoch innerhalb weniger Sekunden nach dem Einschenken getrunken oder serviert werden. Wartet die Tasse, bildet der Schaum eine feste Haut, und die Temperatur fällt spürbar ab.
  2. Geschmackliche Überlagerung: Die farbigen Linien bestehen häufig aus Sirup (Karamell, Schokolade, Vanille). Sie legen sich über die sensorischen Feinheiten des Kaffees und dominieren den Abgang.

Free Pour als Handwerk

Beim Free Pour entstehen die Muster ausschließlich durch die Bewegung des Milchkännchens – also aus der Art, wie und in welchem Winkel die Milch in die Tasse gegossen wird. Rosetta, Tulpe, Schwan oder Herz werden so direkt im Gießen geformt. Hilfsmittel wie Löffel, Zahnstocher oder Sirup kommen nicht zum Einsatz.

Bewertet wird diese Disziplin auch bei den World Latte Art Championships (WLAC).

Vorteil Geschwindigkeit und Übung
Ein gut geübter Free Pour eines Schwans dauert etwa fünf Sekunden. Das Getränk erreicht den Gast heiß und aromatisch. Der Weg dorthin erfordert Training in Körperhaltung und Kannenführung (Tilt the Cup, Push the Canvas) – weshalb Free Pour als Qualitätsindikator für Baristas gilt.
Redaktions-Tipp
Wer eine Tasse mit Latte Art vor sich hat, sollte sie nicht nur von oben nippen. Der Espresso sammelt sich am Tassenboden und ist dort süßer und konzentrierter, während die Schaumschicht oben milder und etwas bitterer schmeckt. Für ein ausgewogenes Geschmacksprofil lohnt es sich, kurz mit dem Löffel umzurühren und damit Espresso und Milch zu integrieren, bevor man trinkt – das Motiv geht dabei verloren, der Geschmack gewinnt.